DER RAUM

Mittelgang belebtMittelgang

Der Kongress spielte in den Kulissen eines Filmsets - Krankenhaus, Labor, Friedhof, Kino - ein Tribut an die Filmfigur des Zombies, der weitgehend ohne literarisch-kunsthistorische Vorgeschichte auf den Leinwänden erschien. Und der Film selbst ist ja ein untotes Medium: Zuerst zerstückelt er die Bewegungen lebendiger Körper, stellt sie still, rahmt und bannt sie, um sie dann auf der Leinwand zu reanimieren und vorzuführen.

Mittels Vorträgen, Präsentationen und Dialogen trafen Natur- und Geisteswissenschaftler, Künstler und Pflegende mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen – aus Praxis und Theorie - in den Räumen dieser Filmsets aufeinander. Die Besucher konnten sich durch diese Filmsets frei bewegen. Ausgestattet mit einem tragbaren Radioempfänger entschied das Publikum frei, welchem Programm es live, welchem es nur über Kopfhörer folgen wollte. 

Raumkonzept: Hannah Hurtzig
Filmarchitekt: Florian Stirnemann

Aufsicht

Die Menge und Vielfalt der Bezugssysteme der 'Untoten' bringt potentiell Jeden in einen Zustand der Überforderung und kann nur mit einer gezielten Perspektive sinnvoll rezipiert werden. Um die Masse an relevanten Bezügen dennoch darstellen zu können und dem Besucher in dieser Überflutung die Möglichkeit zu bieten, seinen Fokus scharf zu stellen und in einzelne Aspekte tief einsteigen zu können, wurde ein Raumkonzept erfunden, das keiner einzelnen Disziplin zuzuschreiben war: weder ausschließlich Kongress noch ausschließlich Ausstellung noch ausschließlich (theatrale) Aufführung. Stattdessen bezog sich das Realisationsteam auf ein historisches Format der Wissensvermittlung: "In der Tradition der Wissenschaftspopularisierung des 19. Jahrhunderts realisierte dieser Kongress eine heterogene Inszenierung von Wissensfiguren und Handlungsstrategien und nutzte Spektakel und Theatralisierung um daraus aufklärerisches Kapital zu schlagen." Die gewählte Präsentationsform bediente sich räumlicher Codes aus unterschiedlichen kulturellen Feldern. Der Veranstaltungsort wies zunächst auf zeitgenössisches Theater (oder Tanz) hin, Kampnagel ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste. Somit erwartete der (informierte) Besucher eine Bühne, auf der – in welcher Form auch immer – etwas aufgeführt wird. Diese Erwartung wurde bei den 'Untoten' jedoch nur teilweise erfüllt. Zunächst erreichte der Besucher das Zentral-Foyer Kampnagels, das für 'Die Untoten' als Organisationsraum mit Kopfhörerausgabe und zur Vergabe der notwendigen Handlungsanweisungen (in Form von gedrucktem Programmüberblick und geschultem Einlasspersonal) diente. Nach dem Foyer begann die Veranstaltung mit drei aufeinander folgenden Räumen, in denen unterschiedliche Exponate ausgestellt waren: Auf eine Videoinstallation mit nacherzählten Zombie-Filmen folgte ein Gang durch das Off des Theaters, einen Lagerraum, in dem eine Audioinstallation mit einer Kompilation von Totenmärschen zu hören war. Schließlich wurde man durch den Hinterausgang ins Freie geleitet, an einem 27 Meter langen Banner der israelischen Künstlerin Aya Ben Ron entlang durch den nächsten Hintereingang wieder in die eigentliche Veranstaltungshalle hinein. Dort fand man sich auf einem Mittelgang, an dessen beiden Seiten sich jeweils zwei Filmsets (Labor, Krankenhaus, Friedhof und Cinema14) befanden, auf denen unterschiedliche Wissenserzählungen zu Aspekten des Untoten parallel aufgeführt wurden. Eine herkömmliche Theatervorstellung suchte man auch am Ende des Mittelgangs in der angrenzenden Halle vergeblich. Dort wurden öffentliche Proben zum neuen Film von Bruce LaBruce 'Ulrike’s Brain' abgehalten, die für das Publikum ebenfalls zugänglich waren. Die Möglichkeit zu einer 'Charismatischen Beratung' am oberen Ende des dunklen, leer stehenden Zuschauerraums ergänzte die Inszenierung zu einer komplexen Gesamtveranstaltung, bei der man sich mit Hilfe von drahtlosen Kopfhörern durch sein individuelles Audioprogramm zappen kann.In der Abfolge der einzelnen Veranstaltungsräume wurde man durch unterschiedlich definierte Ausstellungs- bzw. Aufführungsorte geleitet, die den Rezipienten zunächst als Ausstellungsbesucher, dann wieder als Zuschauer einer Aufführung bzw. als Zuhörer eines wissenschaftlichen Vortrags ansprachen. Anleihen aus diesen unterschiedlich definierten Räumen fanden sich jedoch in allen Bereichen dieser Veranstaltung in überlagerter Form, und gerade in ihrer Überschneidung und Bezüglichkeit wurden sie für das Gesamtgeschehen produktiv.

Krankenhaus_RobnikKrankenhaus

Friedhof

Cinema

Am Set von 'Ulrike's Brain'

Marijs Boulogne im LaborLabor

Untot Lageplan
Übersichtsplan