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Ewig Leben 3 - Kryonik

Zu den bekanntesten Ideen aus dem Umfeld des Post- und Transhumanismus gehört, den Körper eines Gestorbenen, oder nur seinen Kopf, zur zukünftigen Wiederbelebung tiefgefroren aufzubewahren.

Abb.: Figur aus der Science-Fiction-Zeichentrickserie Futurama von Matt Groening und David X Cohen (USA, Erstausstrahlung März 1999).
Die Serie spielt im 31. Jahrhundert. Sie beginnt damit, dass der Held, ein New Yorker Pizzabote aus dem Jahr 1999, versehentlich in einen 'kryostatischen Tiefschlaf' versetzt wird und genau eintausend Jahre später wieder erwacht.

Bei der sogenannten Kryostase wird der größte Teil der Körperflüssigkeiten eines frisch Verstorbenen mit Kühlflüssigkeit ausgetauscht, um zu verhindern, dass die Körperzellen durch Kristallbildung des gefrorenen Wassers irreparable Schäden erleiden. Dann wird der solcherart präparierte Körper- oder Körperteil in einem speziellen Behälter tiefgefroren und für die Zukunft eingelagert. Nach dem Glauben der Kryoniker sind solche Körper nicht tot, sondern nur 'vorübergehend deanimiert'. Wenn die technische Entwicklung irgendwann in der Zukunft einmal so weit ist, gäbe es eine gute Chance, dass man sie wiederbeleben kann, die bei der Einfrierprozedur entstandenen Schäden reparieren, sie vielleicht sogar    mit einem komplett neuen Körper ausstatten.

Das erste Mal wurde das Verfahren bereits im Jahr 1967 angewandt. Das erste, heute noch tätige Unternehmen welches Kryostase anbietet, das Cryonics Institute im Bundesstaat Michigan in den USA, gründete 1976 der Physiker Robert Ettinger. In seinem 1962 erschienenen Buch Prospect of Immortality (dt., 1965, Die Aussicht auf Unsterblichkeit; der englische Text kann hier im Netz angesehen werden.), der Programmschrift der Kryoniker, schreibt er: 'Was immer uns heute tötet, früher oder später werden unsere Freunde in der Zukunft der Aufgabe gewachsen sein, uns wiederzubeleben und zu heilen.'

 

Abb.: Zeichnung aus dem Comic Transmetropolitan von Warren Ellis. Es handelt sich um das Standbild aus einem Fernsehbeitrag in einer zukünftigen Gesellschaft, der sich mit dem Schicksal der 'revivals' beschäftigt, das sind aus der Kryostase wiederbelebte Menschen aus unserer Zeit.

Es sind schon viele Einwände gegen diesen naiv anmutenden Zukunftsglauben vorgebracht worden. Einwände, die von den Kryonikern selbst – in der Regel erfolgreichen Menschen mit rationalen Lebensauffassungen – durchaus zur Kenntnis genommen und anerkannt werden. Zu diesen Einwänden gehören der Zweifel, dass es tatsächlich zu den prognostizierten technischen Durchbrüchen kommen wird, und der Widerstand gegen eine gehirnreduktionistische Auffassung menschlichen Lebens und Bewusstseins, wie sie von weiten Teilen der posthumanistischen Bewegung vertreten wird. Abgesehen von diesen auf die Machbarkeit und Wahrscheinlichkeit zielenden Zweifeln, sowie auf die Angemessenheit des Aufwands, der damit betrieben wird, und das Menschenbild, das man zugrunde legt, kann und muss man sich aber vielleicht auch noch etwas Anderes fragen:

Werden wir in dieser Zukunft wirklich leben wollen und glücklich werden können? Wird diese Zukunft uns überhaupt haben wollen?

Das hat auf eine beißende, bitterböse Art und Weise der Comiczeichner Warren Ellis getan. In einer Folge seiner Serie Transmetropolitan, die in einer Megalopolis der Zukunft spielt, widmet der Journalist Spider Jerusalem eine Kolumne dem Schicksal der dort sogenannten Revivals. Er erzählt die Geschichte von Mary, einer Journalistin aus dem 20. Jahrhundert, die sich voller Hoffnungen auf ein zukünftiges Leben mit ihrem geliebten Mann und darauf, dass die zukünftigen Menschen darauf brennen werden, die geschichtlichen Ereignisse ihrer Zeit aus erster Hand erzählt zu bekommen, kryostatisch konservieren lässt.

 

Alle diese Hoffnungen erweisen sich als trügerisch: Nachdem sie den Vorgang der 'reclamation', der technischen Wiederbelebung, erfolgreich durchlaufen hat und in der Zukunft mit einem neuen Körper zum zweiten Mal geboren wird, muss sie schnell realisieren, dass ihr Mann es nicht geschafft hat, sich einfrieren zu lassen (weil er an einem Ort starb, der zu weit entfernt von den Unternehmen liegt, die diesen Dienst anboten) und dass sie in dieser Zukunft nicht erwünscht ist. Sie und die anderen Kryokonservierten wurden nur wiederbelebt, weil die Verträge aus der Vergangenheit erfüllt werden müssen, nicht aber, weil jemand Interesse an ihrem Schicksal hat:

 

Die revivals sind unerwünschte Migranten, Flüchtlinge nicht von einem anderen Ort sondern aus einer anderen Zeit, für die in der Gesellschaft, in die sie aus ihren Zeitkapseln ausgesetzt wurden, kein Platz ist.

Abbildungen aus dem Comic Transmetropolitan, Volume 1, Heft 8, 'Another Cold Morning', New York 1997, Autor: Warren Ellis, Zeichnungen: Patrick Robertson.