Mobiles Archiv
Andreas Zieger

DIE TODESPOLITIK DER MODERNEN MEDIZIN

krankenhaus leerDer Tod ist eine kulturelle Vereinbarung. Unsere biotechnisch- medizinische Definition des Hirntods als Todeskriterium (seit 1968) ist so dominant, dass andere Sichtweisen ignoriert werden. Seit 10 Jahren wird das Gehirntodkriterium widerlegt, aber es gibt die Begehrlichkeiten der Transplantationsmedizin, die aufgrund dieses Todeskonzepts lebendfrische Organe explantieren kann. Das menschliche Leben dürfe jedoch nicht der Deutungsmacht einzelner Interessengruppen überlassen werden, fordert Andreas Zieger, Leiter der Station für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte am Ev. Krankenhaus Oldenburg: Wenn man in Richtung Hirntod diagnostiziert, dann suchen wir in den Kliniken nach Todesanzeichen und vernachlässigen die noch vorhandenen Lebenszeichen. Es muss gesellschaftlich diskutiert werden, ob man einen neuen Tod will, um zu explantieren. Wie wollen wir in Zukunft sterben? Anschließend spricht Zieger mit Martina Keller, Autorin des Buchs «Ausgeschlachtet. Die menschliche Leiche als Rohstoff».

 

 

Andreas Zieger studierte Biologie und Medizin in Heidelberg und Frankfurt / Main. Er hat sich im Bereich Neurochirurgie und im Rehabilitationswesen spezialisiert und ist seit 1997 Ärztlicher Leiter der Station für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte (Frührehabilitation) am Ev. Krankenhaus Oldenburg. Zudem ist er außerplanmäßiger Professor am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg mit dem Fachschwerpunkt Klinische Neurorehabilitation und Interdisziplinär Angewandte Neurowissenschaft. www.a-zieger.de

Martina Keller ist freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Transplantationsmedizin und in diesem Zusammenhang auch mit Todesdefinitionen. Ihr 2008 erschienenes Buch «Ausgeschlachtet. Die menschliche Leiche als Rohstoff» beschreibt einen boomenden Medizinsektor: Aus Leichenteilen wie Haut, Knochen, Knorpel oder Sehnen stellen Firmen Produkte für therapeutische oder kosmetische Anwendungen her.