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Ewig leben 2 [Ray Kurzweil]

Die letzte Grenze des Menschen ist der Tod. Diese gilt es zu überwinden. Und das wird uns auch in absehbarer Zeit gelingen, davon ist jedenfalls der Erfinder, Futurologe und Transhumanist Ray Kurzweil überzeugt.

Ray Kurzweil bei einem seiner Vorträge. Screenshot aus dem Dokumentarfilm Transcendent Man (USA 2011, R: Barry Ptolemy).

Mit Hilfe von Informatik, Bio- und Nanotechnologie werden, so Kurzweil, Krankheit und Tod in den nächsten Jahrzehnten immer weiter zurückgedrängt. Bis zu dem Punkt, an dem das biologische Trägermaterial des Menschen, vulgo: sein Körper, restlos durch haltbarere künstliche Materialien ersetzt und bei Bedarf immer wieder erneuert werden kann.

Der 1948 als Sohn österreichischer Emigranten in New York geborene Kurzweil gehört zur Avantgarde amerikanischer Informatiker. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen interessierte er sich von Beginn seiner Programmiertätigkeit (und lange vor der Einführung des Personal Computers) für Anwendungen, die im alltäglichen Leben der Menschen von Bedeutung sein können. So gehört er zu den Pionieren der elektronischen Schrift- und Spracherkennung. Letztere entwickelte er zusammen mit Betroffenenvertretungen von Blinden.

Im Laufe seiner Karriere als Programmierer und Erfinder wurde Kurzweil zum Zukunftsforscher – und zu einem der bekanntesten Vertreter des Transhumanismus. Transhumanisten glauben wie Posthumanisten an eine posthumane, also nachmenschliche, Zukunft des Menschen, die aus einer Symbiose von Mensch und Maschine hervorgehen wird. Im Unterschied zum Posthumanismus entwickelt der transhumanistische Ansatz aber eine Art Roadmap, ausgehend vom heutigen Stand der Technik und des Wissens, wie die Menschheit zu diesem Punkt gelangen soll.

Dreh- und Angelpunkt der neueren Kurzweil'schen Theorien über die Zukunft ist die sogenannte Singularity, der Punkt, an dem Maschinenintelligenz die Gesamtheit der menschlichen Intelligenz überschreiten und deshalb jede weitere Zukunftsvorhersage unmöglich wird. Kritiker haben verschiedentlich auf die religiöse, an den jüdischen Messianismus und den christlichen Offenbarungsglauben erinnernde Grundstruktur dieses nach Auffassung seiner Vertreter rein auf wissenschaftlicher Basis errichteten Prognosesystems verwiesen. Ein weiterer irritierender Punkt ist der nahezu vorbehaltlose Glaube an den technischen Fortschritt, der dieses Modell verdächtig nahe an die Heilsversprechen der Computerindustrie rückt. 2009 gründete Kurzweil  zusammen mit einer Forschungsabteilung der amerikanischen Weltraumbehörde NASA und dem Software-Giganten Google die Singularity University [link]. Das Ziel  der im Silicon Valley errichteten Graduiertenschule ist, to 'assemble, educate and inspire a cadre of leaders who strive to understand and facilitate the development of exponentially advancing technologies and apply, focus and guide these tools to address humanity’s grand challenges.'

 Die Überwindung letzter Grenzen gehört zu den tragenden Mythen der Vereinigten Staaten von Amerika. Zuerst war es die Grenze des atlantischen Ozeans, die die europäischen (Aus)Siedler auf ihrem Weg zu mehr Freiheit und Wohlstand überwinden mussten. Dann war es die sich immer weiter nach Westen verschiebende Grenze der Besiedlung des amerikanischen Kontinents, bis zur final frontier im Westen, dem Pazifik. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde aus dieser Grenze der Aufbruch in den Weltraum. In der Logik dieses Fortschrittsdenkens ist es nur folgerichtig, dass nun der Tod als das biologisch gegebene Ende des menschlichen Lebens als nächste, bislang absolute Grenze, auf der Transgressionsagenda steht. 

Im Folgenden drei Ausschnitte aus einem Gespräch, das der Schriftsteller Tobias Hülswitt im Januar 2008 mit Kurzweil in Boston führte:

Bis vor Kurzem hatten wir keine Möglichkeit, die scheinbare Zwangsläufigkeit von körperlichem Verfall und Tod aufzuheben. ... Also haben wir verschiedene Theorien entwickelt, warum sie [die Menschen], auch wenn ihr Leben nur von begrenzter Dauer scheint, in Wahrheit doch ewig leben: durch Wiedergeburt, durch ein Fortleben im Himmel oder wie auch immer man es formuliert. Und die Leute argumentieren philosophisch, warum der Tod in Wahrheit etwas Gutes und Befreiendes sei und dass es nicht gut wäre, das menschliche Leben unendlich zu verlängern. ...Solange wir keine Alternative hatten, war das vernünftig. Heute aber haben wir eine Alternative.
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DIE DREI BRÜCKEN ZUM EWIGEN LEBEN
Schon mit dem heutigen Wissen können selbst Angehörige meiner Generation in fünfzehn Jahren noch bei guter Verfassung sein. Ich nenne das Brücke eins. Danach wird es möglich werden, unsere Biochemie zu reprogrammieren und unser biologisches Programm durch Biotechnologie zu modifizieren, das ist Brücke zwei. Dies wird uns wiederum lange genug leben lassen, um Brücke drei zu erreichen. Und dann werden uns die Nanotechnologie und Nanoroboter in unserem Körper dazu befähigen, ewig zu leben.
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GESETZ DES EXPONENTIELLEN WACHSTUMS
[S]eit wir das menschliche Genom sequenziert haben, was erst wenige Jahre her ist, ... werden unsere Gesundheit, unsere Biologie, unsere Medizin zu Informationstechnologien. Und damit unterliegen auch sie dem Gesetz der beschleunigten Erträge und des exponentiellen Wachstums. Gesundheit, Biologie, Altern und Krankheit werden nun als Informationsprozesse begriffen, und damit verfügen wir über die praktischen Mittel, das Ende des Todes abzusehen, da unser Wissen über diese Dinge exponentiell wächst. Ich glaube, dass wir nur 15 Jahre von einem Wendepunkt entfernt sind, ab dem wir jedes Jahr mehr als ein Jahr zu unserer verbleibenden Lebenserwartung hinzufügen werden. Und das Gefühl, dass unsere Zeit rapide abläuft, wird schließlich ein Ende haben.
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KOSMISCHE AUSBREITUNG DES MENSCH-MASCHINE-BEWUSSTSEINS
Am Ende dieses Jahrhunderts werden wir in der Lage sein, zehn hoch fünfzig Rechenoperationen in der Sekunde pro Kilogramm Materie durchzuführen – das ist eine Trillion mal eine Trillion leistungsstärker als das Denken des menschlichen Gehirns –, und wir werden in der Lage sein, einen solchen Rechner mit der Software menschlicher Intelligenz zu bestücken, die wir bis dahin durch Nachbau verstanden haben werden. Früher oder später werden wir hier auf der Erde und den umliegenden Planeten an eine Grenze stoßen, was die nötige Energie und Materie für dieses Denken betrifft, das eine Fusion unseres biologischen Denkens mit dem immensen Vermögen nichtbiologischen Denkens darstellt. Dann werden wir uns im Rest des Universums ausbreiten müssen ... eine Mensch-Maschine-Zivilisation in nichtbiologischer Gestalt [wird sich] im Universum ausbreiten, und dann wird das Universum erwachen.


Zitate aus: 'Werden wir ewig leben, Mr. Kurzweil?', Tobias Hülswitt im Gespräch mit dem Erfinder und Futurologen Ray Kurzweil (Boston, 10. Januar 2008). In: Tobias Hülswitt, Roman Brinzanik: Werden wir ewig leben? Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie, Berlin 2010, S. 15-34; hier: S. 17f., 21 u. 24f.

Leicht gekürzte Fassung des Interviews auf FAZ-Online hier.

Website von Ray Kurzweil: http://www.kurzweilai.net/

Zitate aus: 'Werden wir ewig leben, Mr. Kurzweil?', Tobias Hülswitt im Gespräch mit dem Erfinder und Futurologen Ray Kurzweil (Boston, 10. Januar 2008). In: Tobias Hülswitt, Roman Brinzanik: Werden wir ewig leben? Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie, Berlin 2010, S. 15-34; hier: S. 17f., 21 u. 24f.

 

Website von Ray Kurzweil:

http://www.kurzweilai.net/

 

Fassung des Interviews auf FAZ-Online:

http://www.faz.net/s/Rub4521147CD87A4D9390DA8578416FA2EC/Doc~E96424579BA874A3AA3EE364C34618742~ATpl~Ecommon~Scontent.html